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„Hallo, ich bin Isa“, stellt sie sich gleich vor. Lächelt fröhlich und bounct ein bisschen herum. Natürlich heißt sie nicht Isa, aber ich nenne sie jetzt mal so. Weil sie mich an Isa erinnert, das Mädchen aus Herrn­dorfs Buch „Bilder deiner großen Liebe: Ein unvoll­endeter Roman“. Als Herrn­dorf wegen seines Hirn­tumors nicht mehr schreiben konnte, erschoss er sich. Das war 2013. Isa bleibt. Und steht nun quasi vor mir. In der Pause des Konzerts stopft sie sich Ohr­stöpsel mit eigener Musik rein, immer in Action, niemals still­stehend versucht sie, alle Leute mit­zunehmen. Erzählt Geschichten über Menschen, die ich auch kenne, und ich kann mir nicht vorstel­len, warum diese Menschen so zu ihr waren, wie sie es berichtet. Ich spüre, dass sie nicht alles erzählt. Sie merkt, wenn sie nervt, dann ent­schuldigt sie sich sehr über­trieben und ist eine Weile ruhig, fällt in sich zusam­men, bis es von vorne losgeht. Sie ist leider total mein Typ, wenn auch viel zu klein. Aber ich spüre sofort, dass da was so sehr nicht im Lot ist, dass meine eigene Zer­brochen­heit dagegen fast schon marginal erscheint. Ich habe dafür keine Kraft. Sie kann nichts dafür. Ich bin höflich, aber dennoch abweisend.

„Wenn ich jetzt auf Männer stehen würde, dann würde deine abweisende Art mich total anmachen“, sagt er. Ich nenne ihn mal Herbert, einfach so, weiß nicht, warum. Schon beim Konzert hat er laut reingerufen, am liebsten Sachen wie „Sieben­achtel­takt!“, um zu zeigen, dass er auch vom Fach ist. Er erzählt mir ungefragt, wie das geht mit dem Flirten. Dass man nie echtes Interesse an einer Frau haben dürfe, denn das wäre nicht anziehend. Alles ein Spiel, ich kenne dieses Gewäsch der Pickup-Artists, die mich als Künstler mit dem selbster­nen­nenden „Artist“ quasi beleidigen, was ihnen aber bums ist, denn Skrupel­losigkeit ist ihre tägliche Trainingseinheit. „Schwänze­versenken“, denke ich. Wie passend zu dieser modernen Mensch-zuletzt-Gesell­schaft, die Frau als Objekt und der Mann als das, was am Penis dranhängt. Und Herbert ist eine arme Wurst, die Auf­merk­samkeit braucht. Ich gebe sie ihm nicht.

Es hat nichts mit ihm zu tun. Ich bin wo anders. Ich habe die Verbindung verloren und möchte alleine sein. Und dennoch gute Live-Musik hören. Das ist mir Paradox genug. Ich schweige und lächle, was soll ich auch tun, ich kann gerade nicht anders. Ich lasse niemanden heran, nicht mal mehr mich selbst. Ich lehne mich zurück mit einer Cola und weiß, dass die Musik wirken wird, auch wenn mich vordergründig nichts erreicht. Ich weiß, dass die Menschen mich dennoch berühren und beschäftigen werden, auch wenn ich alles aussperre. Deswegen gehe ich ihnen lieber gleich ganz aus dem Weg.

So sind wir hier, drei arme Würstchen, weder Töpfe noch Deckel, einfach Geister in paral­lelen Universen des jeweiligen Irrsinns, die zufällig aneinander vorbei­fliegen und jeder weiß, dass der jeweils andere ihm nichts geben kann. Isa fällt vollends in sich zusam­men und geht vor der Zugabe. Ich gehe und lasse Herbert mit seinem Bier und seiner schwanz­lichen Philo­sophie noch mehr allein. Die Nacht ist eisig kalt und in mir wird es immer leerer. Bald werde ich ein weißes Blatt sein, denke ich. Es wird nichts mehr von mir übrig sein; Ich schrumpfe mit jedem Atem­zug. Und dann entwerfe ich eine neue Skizze von meinem Leben, auf eben jenem weißen leeren Blatt. Später: Mit einem Lächeln schlafe ich ein und träume Dinge, an die ich mich nicht erin­nern können werde.

Foto: Pixabay, bearbeitet vom Autor. Wieder öffentlich: Dieser Text war bereits in einem früheren Blog des Autos zu sehen.

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