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Schießen

Das Schießen nahm ein plötzliches Ende. Davor war es ganz normal gewesen, tagtäglich, alltäglich. Den Code habe ich längst vergessen, all die Jahre danach. Der Code zur Unverwundbarkeit, der Übergang in den God Mode. Es konnte so einfach sein, jemand zu sein. Die Munition war aus unerfindlichen Gründen auch unendlich verfügbar. Die Monster waren hingegen endlich und überschaubar, und sterben konnte man ja nicht. Schon nach kurzer Zeit kannten wir uns aus in allen Levels der virtuellen Ballerei. Damit es nicht langweilig wurde, baute ein Mitschüler das Schulgebäude in einem Level-Editor nach. Wir konnten nun also durch die Schule rennen und Monster abmurksen. So wie jeder gute Amokläufer das Medienberichten zufolge tut. Als Vorbereitung für seine Tat, die mit der Bezeichnung erweiterter Suizid einen anderen inhaltlichen Schwerpunkt bekommt. Dann ist wieder zwei bis drei Wochen Remmidemmi in den Medien, irgendwelche Politiker fordern reflexartig ein Verbot von Killerspielen, es werden wieder neue Übungen und Systeme für den Notfall Amoklauf in Schulen installiert. Bei mir hörte das Schießen auf. An einem Tag im späten Frühjahr 2001. Wir feierten Abitur, wir waren frei, durften endlich ohne Erlaubnis aufs Klo gehen und mussten uns nicht mehr jeden Tag aufs Neue von verbeamteten menschlichen Monstern erniedrigen lassen. Meine Wut fand ein Ende und mit ihr die Notwendigkeit des virtuellen Wütens.

Foto: Pixabay, bearbeitet vom Autor.

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