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Das harte Leben

Ich stelle mir das so vor, ein schummriger, tätowierter Raum und überall ist Rauch wie er früher einmal war; Rauch aus Tabak und Mari­huana und nicht dieser Dampf der akku­betriebenen Taschen­nebel­maschinen, an denen heute jede Sau saugt. Ich stelle mir das so vor, dass man hier nicht auf dem Boden liegen möchte, weil man nicht weiß, ob der in den letzten zwölf Jahren mal ge­wischt wurde und wer zuletzt in welcher Bier-, Pisse-, oder Kotze­lache hier gelegen hat. Viel­leicht ist da auch Benzin auf diesem Boden, denke ich mir, aber das verdampft, also Motor­öl. Ja, Motor­öl ist gut. Und dazu läuft vielleicht Dio aus den Laut­sprechern, mit The Last in Line, also nicht das Album, sondern der Song. Dass Ronnie James Dio tot ist, passt so exakt ins Gesamt­bild wie Jesus ins letzte Abend­mahl. Alle tun dann so voll hart, oder waren echt schon im Knast, oder beides, und es gibt Jim Beam, Wodka Cola, Jacky Cola, Araber und all die anderen Kotz­mischungen mit Cola halt so. Dazu Bananen­weizen, für die gestähl­testen der harten Mägen. Und Butter­fly­messer und Zippo-Feuer­zeuge und Toten­schädel. Den ganzen Kram, den noch nie ein Mensch brauchte, außer um das harte Leben zu feiern. Und um daheim im Vor­garten am Kugel­grill, hinterm Sicht­schutz vor den Nach­barn, dann wieder der lang­weilige aber zu­friedene Spießer zu sein, der diese verschis­sene Härte des Lebens dort gelas­sen hat, auf diesem ver­kotzten und ver­ölten Fuß­boden, an ihrem Ort des Elends; stinkend, lärmend und tot.

Die Penis-Enttäuschung

Es geht hier nicht darum, einen Bombe zu bauen. Um den ameri­kanischen Präsidenten geht es auch nicht. Auch um Katzen geht es hier nicht, und auch nicht darum, wie unglaublich das ist, was danach passierte. Es geht nicht ums Ab­nehmen, nicht um ein Vorher oder ein Nach­her, nicht um Erfolg und nicht um den Six-Figure-Deal, nicht mal um Such­maschinen­optimierung oder Sport­wagen. Nicht um Fuß­ball, und noch viel schlimmer: Weder Porno ist hier wichtig, noch Mösen oder Fotzen. Möpse und Hunde und Titten spielen keine Rolle. Dass es hier nicht um Anal Bleaching geht, wird nun auch wiederum kaum ein Arsch­loch erbleichen lassen. Keine Sau interessiert sich hier für einen geraden oder ver­längerten Schwanz. Und es kommt alles noch schlimmer: Es geht hier nicht um deinen Pimmel. Die Ent­täuschung ist groß: Es geht nicht um Gender-Wahns*inn. Und es geht hier nicht um irgend­einen Penis. Es geht hier um alles und um nichts – der Penis spielt keine Rolle.

Dystopie

Die Zwanzigerjahre dieses Jahrhunderts werden das Jahrzehnt des Marketings und des Bull­shits. Schon jetzt wird nur noch wahr­genommen, wer sich selbst öffentlich anpreist. Noch ist es die Domäne von Firmen und Werbe­agenturen, aber insbesondere in den sogenannten sozialen Medien bewerben sich immer mehr Individuen wie Produkte. Aufmerk­samkeit, Klicks und die anonyme digitale Liebe der Masse werden zur neuen Währung. Alle ergießen sich in Stärken- und Schwächen-Analysen, ihre Stärken etwas arg über­betonend und das Ergebnis garniert mit einem übergroßen Schuss Schwurbel auf die Welt und ihre Mit­menschen loslassend. Die Suche nach der besten Selbst­vermarktungs­floskel mit möglichst viel Impact bei notwendigem und nahezu völligen Verlust von Inhalt ist der neue Volkssport. Persönlichkeit und Wahr­haftigkeit sind verwegene Tugenden einer vergangenen Zeit. Die neue Grat­wanderung ist noch mehr die Eigen­werbung zwischen pseudospritziger Individualität und Maximierung der eigenen Massen­kompatibilität. Berufe, Urlaube, Partner, Häuser, Autos, Körper und Kinder werden nach Instagram­mability gewählt, geshaped und gezeugt. Alle düsen mit Vollgas durch die innere Leere ihrer perfekt polierten Hüllen. Da digitale Aufmerk­samkeit keinen realen Gegen­wert in der Welt hat und weder den Kühl­schrank füllt noch die Miete bezahlt, wird diese Blase irgend­wann platzen, und das ganz neoliberal direkt beim Einzelnen und nicht bei den Firmen. Diese werden sich an den not­wendigen oder als not­wendig ver­markteten Produkten von Selfie-Kameras über Apps bis hin zu virtuellen Produkten wie bezahlten Werbe-Ein­blend­ungen eine zumindest silberne Nase verdient haben. Psychische Störungen werden spätestens dann in den Statistiken den Herz-Kreislauf-Erkran­kungen in puncto Kosten für Gesell­schaft und Wirtschaft den Rang ablaufen.

Foto: Pixabay, bearbeitet vom Autor.

Verwundert

Eigentlich ist Philips und Sony ein Wunder gelungen. Sie haben einen Daten­träger entwickelt, den die Künstler angenom­men haben. Ein bisschen Glück war auch dabei, und so kam eine nahezu kompromiss­lose Ton­qualität dabei heraus. Von einer seltsamen Plastik­ver­pack­ung, die man euphe­mistisch Jewel Case genannt hatte, gingen die Künstler über zu schön be­druckten Pappver­packungen, mit viel Liebe gestaltet. Kleine und große Komplett­kunst­werke; hält man heute eine CD in der Hand, dann hat man in keinster Weise das Gefühl, einfach nur ein paar hundert Millionen Bits in der Hand zu haben, mitnichten ist es ein reiner Tank voller Zahlen. Schub­lade auf, ein­legen, schon das ist ein kleines Ritual. Dann beginnt die Reise durch die Töne. Manchen ist das nicht genug. Manche brauchen die Lang­spiel­platte, die Schall­plat­ten­bürste gegen den Staub, aber bitte nicht gegen allen Staub, ein paar Knackser dürfen es eigentlich schon sein. Die klingen besser, sagen sie. Aber eigent­lich geht es um das Ritual, um das Wert­schätzen von Musik, um das An­fassen und sich be­rühren lassen. Die anderen gehen zu Spotify, dem Online-Armuts­zeugnis für künst­lerische Leis­tungen. Das gelungene Wunder hat aus­gedient, die Körper­losig­keit des Netzes hält den Kon­sumenten gefangen und die Künstler müssen auf die Bühne flüchten, um einen Rest von Mammon zu erhaschen.

Foto: Pixabay, bearbeitet vom Autor.

Auflösung

Es löst sich irgendwie auf, das Alle. Alle lieben Verbotene Liebe oder Marienhof, das war einmal. Ich netflixe meine Serie, du deine. Meine Filter­blase zeigt mir meine Welt, nicht deine. Ich benutze das Wort Filter­blase routiniert. Ich bin ein Außen­seiter, ich habe kein Smart­phone. Du bist ein Außen­seiter, du hast ein Smart­phone aber Threema ist bei dir kein Thema, nicht so wie bei deinen Freunden, Whats­App ist dir zu doof, aber Telegram hat halt keiner. Und kuck; da auf Face­book, da sind die Onanisten mit ihrem geilen Leben wieder am abschüt­teln, während ich im November­regen sitze, als hätten die anderen ein anderes Wetter. Alles ist nur einen Klick entfernt, die Wahr­heit wie die Lüge und der Bullshit, und jede Minute gibt es 400 Stunden neues Video­material auf You­Tube und ich habe schon lange keinen Über­blick mehr; was soll ich kucken, wie soll ich leben? Ich will es wieder geordnet, aber ich bin zu schlau, um an Chem­trails zu glauben, und zu mensch­lich, um rechts­radikal zu werden. Früher, da war alles sortierter. Der Sohn wurde, wie und was der Vater war. Die Technik war noch warm und analog, nicht kalt und digital. Es war immer Sommer und nie November­regen. Deswegen kaufe ich jetzt Röhren­technik für meine Instrumente, und die Instrumente sind aus den Siebzigern. Ich aktiviere den Schwarz­weiß-Filter in meiner Kompakt­kamera und google Paleo Diät. Ich hänge die Bilder ab und male mit Blut ein paar Mammuts auf meine Rauh­faser­tapete. Und morgens gehe ich mit meinem Speer mit Stein­spitze hinaus in den Groß­stadt­dschungel und töte ein Tier. Wenn erst alle das machen, dann ist meine Welt wieder in Ordnung. Wann fängst du auch endlich damit an?

Raureif

Der erste Frost. Das Wort „Rau­reif“. Äpfel werden unter­dessen reif, sie werden weich und süß. Menschen werden wohl eher rau, wenn sie reif werden. So viel ersten Frost schon gesehen, so viel alter Rost, so viel Kom­men und Gehen. Irgend­wann werden Äpfel runzelig und Menschen schrul­lig. Dann stellt man sie sich an Öfen sitzend vor, wie alte Katzen. Doch tief drin­nen sind sie noch immer die alten, also die jungen, solange sie lieben dürfen. Denn wer liebt, bleibt frost­sicher.

The Change Room

Die orangefarbene Tür der Umkleide öffnet sich ruckartig. Heraus tritt er; der Mann. Er blickt sich kurz um, findet nicht. Steckt die Finger in den Mund und pfeift. „Hee!“, brüllt er. Hinter einem Regal taucht auf: Sie, die Frau. Offen­bar seine Frau, so heiß geliebt wie sein deutscher Schäfer­hund, dessen Existenz ich hier postuliere. Wenn man pfeift, kommt Hasso an­ge­laufen, winselt, wedelt mit dem Schwanz, und hofft, nicht ge­schlagen zu werden für seine Treue. So ein Hund kann doch nur Hasso heißen und so eine Frau, keine Ahnung, vielleicht Han­nelore, aber das wäre unfair allen Hassos und Han­neloren dieser Welt gegen­über. Ich schätze ihn auf Mitte Fünfzig. Nicht den Hund, den Mann. Die Frau sagt ihm pflicht­bewusst und mittel­stinkig gelaunt irgend­etwas zu der kurzen Hose, die unter seiner Wampe klemmt. Er schimpft vor sich hin, oder vielmehr: Er schimpft sie aus, aber eigent­lich vor sich hin. Oder zumindest fällt es mir schwer, einen Unter­schied auszumachen. Als ich mit einer anvisierten Bade­shorts selbst in die Umkleide gehe, steht dort sein Mund­geruch wie ein durch­sichtiger Beton­klotz in der Luft, als wäre ein stum­mer stinken­der Zeuge einer inneren Fäulnis zurück­geblieben. Leise bete ich, dass ich ihn verlas­sen hätte, wäre ich an ihrer Stelle. Aber hätte ich wirklich? So viel Kraft kostet manchmal doch die nötigste Veränderung.

Foto: Pixabay, bearbeitet vom Autor.

Nebenhöllen

Die sehr rundliche Frau auf der anderen Seite lächelt sehr viel. Das Cortison-Nasen­spray hat sie direkt neben der Kasse ihrer Apotheke, das geht hier weg wie frische Semmeln, wenn man den Hals­nasen­ohren­arzt im selben Haus hat. Das gibt’s jetzt als Generikum, meine Kranken­kasse freut sich, ich zahle halt wie immer drauf. Mir liegt ein viertels Halb­kalauer zum Thema Nase wegätzen auf der Zunge, irgend­was mit Kokain oder so. Der schale Witz bleibt mir im rauen Hals stecken. Ich ordere außer­dem noch diesen Schleim­löser, bei dem man aus dem Hals stinkt, wie ein Koala aus dem Arsch. Die 50er-Packung. Und dann noch Ibu­profen, sage ich. Ob ich eine große Packung wolle, fragt sie und lächelt wieder sehr. „Ja“, sage ich, und schiebe nach: „Ich muss ja nicht alle auf einmal nehmen.“ Da lächelt sie nicht mehr. War vielleicht doch kein so guter Scherz. Aber was will ich auch machen mit meinem Schmerz, mit solchen Neben­höllen fallen einem keine gesünderen Witze für sehr rundliche Frauen ein. Humor ist was für Leute, denen nichts anderes übrig bleibt, habe ich mal bei einem Poetry Slam gehört. Fand ich nicht lustig. Die anderen schon. Humor­loses Pack, ich beneide euch.

Bubble Tea

Sie macht mir Bubble Tea, selber. Dieses seltsame Getränk aus grünem Tee und Tapioka-Perlen, die wir liebevoll nur ‚Fischeier‘ nennen; gekochte Stärke­bobbel. Sirup gibt den geschmack­losen Dingern ein Aroma. Es ist durchaus lecker, aber man könnte auch ohne leben. Ich denke zurück, als in Berlin die ersten Läden eröffneten, die Bubble Tea verkauften. Kleine Startup-Blasen, die emporsteigen wollten zum Imperium, so wie das eben immer ist. Du musst nur daran glauben, so bloggen sie dann im Bubble Blog dazu. Echte Werte schaffen und das tun, was du liebst, dann kommt er Erfolg ganz von allein und dein Business wird laufen. Ein Hoch außerdem auf die Selb­ständigkeit, auch wenn sie aus den Worten selbst und ständig zusammengesetzt ist. Tag und Nacht für den Bubble Tea, olé! Schlüs­sel­qualifikation Wahn­vorstellung, wann wird das in den Wirtschafts­wissenschaften an der Uni denn nun endlich gelehrt? Sich begeistern können für offen­kundige Schnaps­ideen, das scheint mir heute elementar. Und ohne stolpern weiter­gehen, wenn man damit auf die Nase fällt, was mit hoher Wahrschein­lichkeit passieren wird. Denn eines Tages kommt die Schnaps­idee, an der sich alle besaufen wollen, und dann schwimmst du im Geld. Als damals dann MacDonalds eben­falls Bubble Tea im Angebot hatte, da wusste ich, dass die Blase geplatzt war. Heute hört man nichts mehr vom Bubble Tea – aus­geblub­bert hat es sich, kein Mensch mehr redet davon. Nun sitze ich hier, habe mein Gewerbe angemeldet, und denke darüber nach, was ich kann, und was davon jemand dauerhaft kaufen wollen würde. Das Leben in Blasen ist leider nichts für mich.

Foto: Pixabay, bearbeitet vom Autor