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Roter Staub

Es gibt hier keine Kondensstreifen mehr. Die ausgetretenen Himmelspfade der Düsenflieger, oder vielmehr deren Abwesenheit, ist nur einer von vielen Hinweisen. Die meisten sind subtil, bleiben unerkannt. Letztens zum Beispiel, da lag überall rötlich-gelber Staub draußen. Auf den Autos, auf dem ehemals weißen Tisch auf dem Balkon. Der sei von der Sahara, sagten sie im Zwischennetz. Das mit der Düsenfliegerei habe man einstellen müssen, wegen der Seuche. So ist die offizielle Version. Doch immer mehr Menschen vermuten eine andere Wahrheit und je mehr sie vermuten, desto mehr wird sie zur Gewissheit.

Das Zwischennetz unterdessen ist unsere Form des Kontakts geworden. Wegen der Seuche, so heißt es eben dort, im Zwischennetz. Natürlich, es ist so perfide wie logisch. Eine andere Realität zu erschaffen ist nicht so einfach möglich. Es gibt kein Holodeck wie bei Star Trek. Die Virtualität war immer zu imperfekt, sie flog immer alsbald auf. Sogar bei Star Trek war sie ja nur ein Gag, der eigentlich nur für den Filmzuschauer funktionierte, nicht aber für die Figuren darin. Der Mensch hat zu viele Schnittstellen, würde der Informatiker sagen. Augen, Ohren, Nase, Haut… zu viele Daten, die man simulieren müsste, um eine gefälschte Realität zu erschaffen. Vielleicht wird es eines Tages gehen, mit Quantencomputern und Was-weiß-ich. Aber so weit sind die Gelehrten noch nicht.

Die Lösung ist trivial: Die Schnittstelle muss verkleinert werden. Wir packen alles hinter den Bildschirm. Wir reduzieren die Realität auf Mattscheibe und Lautsprecher. Damit die Realität real wird, machen wir sie interaktiv. Man kann mit Mattscheibe und Lautsprecher sprechen, oder sie berühren, und dann passiert etwas. Zwischen meiner Realität und deiner ist das weltweite Zwischennetz. Jener ominöse Raum, in dem alles und nichts möglich scheint.

Unsere Station verlassen wir nur noch in Schutzausrüstung. Es ist eiserne Vorschrift. Niemand wagt es, sich ohne Schutz der Atemorgane hinaus zu begeben. Wegen der Seuche, sagen sie im Zwischennetz. Man müsse sonst doch recht schnell elendiglich verrecken. Als wäre das nicht genug, wurden drakonische Strafen verhängt. Manch ein Delinquent sei schon mit dem Senkrechtstarter von weit oben aus aufgespürt und anschließend gleich mitgenommen worden, so hört man. Vollmaskierte schwarze Gestalten kamen aus dem Luftgefährt gesprungen, Menschen ohne Gesicht und ohne Namen. Vielleicht sind es auch Androiden, aber mit Gewissheit kann man das nicht sagen.

Ich bin einer der Privilegierten. Ich habe einen Balkon. Auf diesem sitzend kann ich diese Memoiren niederschreiben. Einen alten Bleistift habe ich noch gefunden. Hier auf dem Balkon sind keine Kameras, so hoffe ich zumindest. Den Bleistift habe ich der Länge nach aufgespalten und überprüft, dass keine elektronischen Bauteile enthalten sind. Das Papier habe ich von meinem Großvater geerbt. Nur so sind die Gedanken sicher festzuhalten, ohne das auch ich abgeholt werde. Ein Restrisiko bleibt. Bleistifte dürfen seit einem Jahr schon nicht mehr verkauft werden. Blei sei zu ungesund, sagten sie im Zwischennetz. Kommentare, die berichteten, im Bleistift sei schon lange kein Blei mehr, sondern Graphit, wurden umgehend gelöscht. Ob die jeweiligen User abgeholt wurden, kann ich nicht sagen.

Draußen machen sie unterdessen munter weiter mit der Lüge – nur wenige Menschen sind auf den Bürgersteigen zu sehen, alle vorschriftsgemäß maskiert. Sie sprechen nicht miteinander, wenn sie sich begegnen. Kommunikation außerhalb des Zwischennetzes wurde letzte Woche verboten. Wegen der Seuche. Bei mir aber sammelt sich der Verdacht, wird größer und übermächtiger. Heute Morgen war wieder roter Staub auf dem Tisch hier auf dem Balkon. Sahara, hieß es wieder im Zwischennetz. Eine ungewöhnliche Wetterlage, sagte ein Mensch mit Karte im Hintergrund. Schon wieder. Beinahe jede Woche!

Würde nur ein normaler Mensch einen Düsenflieger je wieder besteigen dürfen, es wäre so offensichtlich. Im Zwischennetz kommunizieren Menschen über die Scheibenhaftigkeit der Erde. Überall ist diese Theorie zu lesen, so falsch sie auch ist. Mittlerweile denke ich: Das ist eine willkommene Ablenkung, das wird gefördert von ganz oben, wer auch immer dort sitzt – und warum.

Schon manches Mal fragte ich mich, warum gerade wir auserwählt wurden. Früher ging man von Milliarden Menschen aus. War auch das eine Lüge? Aber warum sind es jetzt nur noch wir? Was ist an mir so besonders? Bin ich stumm und dumm genug, nichts zu merken? Aber sollte es um ein Experiment gehen, und nicht einfach nur um den Sadismus eines wahnwitzigen Herrschers, wieso hat er nicht die Gesündesten und Klügsten ausgewählt?

Zugegeben, ich bin nicht mutig genug, lange genug ohne die Maske hier auf dem Balkon zu sitzen. Was, wenn die Gase doch zu sehr an meinen Lungen nagen würden? Vielleicht kann man diese Atmosphäre ja gar nicht spüren in ihrer ungefilterten Giftigkeit. So wie Kohlenstoffmonoxid. Man stirbt einfach leise. Kurzum, einen Selbsttest zu wagen, so weit bin ich noch nicht. Es ist auch nicht klar, ob wir nicht in einer gigantischen Kuppel sind. Also, ob eine planetenumspannende Atmosphäre überhaupt existiert – unklar.

Der Düsenflieger wäre die andere Option. Man müsste es ja sehen, wenn man nur hoch genug hinaufsteigt. Überall müsste man den roten Sand sehen, der unsere Oase umgibt. Gäbe es eine Kuppel, dann wären Düsenflieger natürlich unmöglich. Für die Senkrechtstarter der Ordnungsorgane müsste dann ein gutes Leitsystem existieren, damit diese nicht aus Versehen in die Wand rasen. Deswegen vertrete ich die Theorie der planetenumspannenden Atmosphäre, die außerhalb der Räume unserer Stationen noch nicht dauerhaft zum Atmen geeignet ist.

Austauschen kann man sich wie gesagt nicht darüber. Das Zwischennetz würde nicht nur einem die Worte in der Tastatur oder im Munde verdrehen, man wäre auch sofort aufgespürt. Als das Sprechen mit dem Nachbarn noch erlaubt war, als Menschen noch kurz innehielten und Worte wechselten auf dem Bürgersteig, da waren sie oft zu hören, die Senkrechtstarter. Nun, da alles nur noch über das Zwischennetz läuft, ist es still geworden am ewig blauen Himmel.

Zum Mars wolle man aufbrechen, las ich unlängst im Zwischennetz. Was für eine grandiose Lüge. Ein reicher Mann von einem anderen Kontinent habe ein Raketensystem entwickelt, mit dem man zum Mars reisen könne. Dabei sind wir doch schon längst auf dem Mars. Sagen darf man das natürlich nicht. Und immer der rote Saharasand auf meinem Tisch. War schon mal jemand in der Sahara? Gibt es die Sahara überhaupt? Mars-Sand ist es. Ganz gewiss. Wir sind Teil des Experiments. Erdlinge, gefangen in einer roten Wüste, die alles umspannt, maskiert lebend in unserer Oase, systematisch vereinzelt und nur noch durch ein kontrollierendes digitales Organ verbunden.

Die Wahrheit ist: Wir können nicht zurück. Etwas ist offenbar schiefgelaufen. Oder vielleicht auch nicht, vielleicht sollten wir nie zurück. Vielleicht sind wir die Auserwählten. Nur auserwählt wozu? Zum Aussterben vielleicht? Denn davon, dass ich mir andere Menschen im Zwischennetz betrachte, wie sie Grundmenschliches tun und dabei genüsslich grunzen, davon wird hier niemand schwanger. Eine Reproduktion findet nicht statt. Doch jemand will zurück, das ist klar. Marsmission nennen sie es, ihren Rückflug. Vom-Mars-weg-Mission. Das darf man nur nicht sagen. Deswegen wird es als Zum-Mars-hin-Mission verkauft. Denn eines Tages werden wir ja die Raketen sehen, im ewig blauen Himmel.

Heimlich kann man das nicht machen. Heimlich kann man nur schreiben, für eine Nachwelt, falls es sie geben wird. Mit Bleistift auf Papier. Und es irgendwo verstecken. Denn die Wahrheit bleibt die Wahrheit, auch wenn sie keinem mehr nützt, auch wenn ich der einzige bin, der sie kennt. In aller Deutlichkeit: Wir sind auf dem Mars, wir waren nie woanders. Wer etwas anderes glaubt, hat die Zeichen nicht gesehen.

Ich muss nun aufhören, das Geräusch eines Senkrechtstarters ist in der Ferne zu vernehmen.

Foto: Pixabay, bearbeitet vom Autor.

Kontakt

„Heute hatte ich Kontakt“, sagte die Mitbewohnerin. Der Satz hing dann da so in der Luft meiner Gehörgänge und wartete auf eine Fortsetzung. Vielmehr, ich wartete auf eine Fortsetzung, die sich aber als nicht eingeplant herausstellte. Das Kiffen hatte die Mitbewohnerin kürzlich erst einstellen müssen, da sie es sich nicht mehr leisten konnte. Die Tabakgrundlage dafür hatte sie ohnehin meistens aus Kippenstummeln extrahiert, die sie überall auf ihren langen solitären Spaziergängen oder Radtouren eingesammelt hatte. Nicht mehr zu kiffen, das war allerdings dem WG-Leben gar nicht mal so zuträglich. Ohne Betäubung schien es bei ihr nicht zu klappen, und so setzte die Mitbewohnerin eine akustische Haube auf – einen Kopfhörer mit eingebautem MP3-Player, der tagein, tagaus das gleiche Lied spielte. Hauptsache weg.

Vor diesem Hintergrund hätte ich es eigentlich verstehen müssen. „Ich hatte Kontakt“, das genügte einfach für sich alleine schon als Highlight. Mit wem, warum, und wie lange, und worüber, das spielte eine untergeordnete Rolle. Kontakt an sich war offenbar etwas, das es nur selten gab. Wie einsam, dachte ich zunächst. Aber Kontakt war auch offenbar etwas, das schlecht auszuhalten war. Auf dem Balkon – sie saß dort, rauchte die dünnen Selbstgedrehten aus dem Tabak der Kippenstummel und das Lied saß dabei wie ein geschlossener Helm auf ihrem Kopf. Ich setzte mich dazu, rauchte Javaanse und fragt mich, warum ihr rechtes Bein immer so zuckelte und zappelte. Sie streifte die Asche auf dem Tisch ab, fein säuberlich Häufchen konstruierend, die über Nacht in Wind und Regen zur umfassenden Sauerei werden sollten. Ich benutzte den Aschenbecher daneben. Kontakt fand nicht statt.

„Ich glaub ich bin in meinem letzten Job ein bisschen depressiv geworden“, hatte sie einmal gesagt, als sie noch kiffen und daher noch sprechen konnte. Ich denke, das ist irgendwie in etwa so: Zwischen Innen und Außen ist eine Wand, die sich sogenannte geistig gesunde Menschen einbilden. Um sich dann bei Verlust dieser Gesundheit von Therapeuten erklären zu lassen, dass man seine Welt so behandelt, wie man sich selbst behandelt, oder andersrum. Also von der Wand zum Sieb quasi – und bei denen mit Dachschaden ist das Sieb auch noch kaputt. Für die ist das dann echt krass anstrengend, wenn die großen Brocken durchs Sieb krachen, also besser keinen Kontakt haben, weder zu den anderen noch zu sich selbst. „Finde dein wahres Selbst“, sagen die Neoliberal-Esoterischen, die alles Unglück ihrer jeweiligen kleinen großen Welt ganz alleine zu verantworten haben. Kann vermutlich ne ziemlich hässliche Angelegenheit sein, so ein wahres Selbst. Und wenn darin auch keine Antwort liegt, ist durchdrehen doch auch eine naheliegende Lösung.

Naja. Jahre ist das nun her. Gestern hatte ich Kontakt. Ich saß mit Menschen an einem Tisch und es wurde über dies, das und jenes geredet. Dazu gab es Kaffee und Gebäck. Das war dann auf einmal sehr schön. Manchmal hatte ich das Bedürfnis, mich selbst zu bremsen. Unsicherheit: Wie geht das, Kontakt haben? Das weiß ich auch nicht mehr so genau. Seit jenem Freitag, den 13., seither ist Kontakt doch ziemlich wenig geworden. Ich glaube, ich habe das verlernt, das mit dem Kontakt. Das ist irgendwie anstrengend. Ich drehe die Musik lauter und DJ Valium scheint mir jetzt auch kein so beknackter Künstlername mehr zu sein. Ein Track, so profan und beruhigend wie aller Mainstream-Techno der Neunziger. Repeat.

Foto: Pixabay, bearbeitet vom Autor.

Der Multigroomer

Ich kann mich nicht für einen Multi­groomer entscheiden. Vielleicht könnte ich auch einen Bartschneider nehmen, oder lieber einen Haar­schneider, und dann noch einen separaten Nasen- und Ohrenhaarschneider dazu. Aber das Nonplusultra wäre natürlich ein Multi­groomer. Hier gibt es einen, der kann nicht nur Konturen und Koteletten, der schneidet sogar Augen­brauen! Aber in den Reviews steht, nasse Haare könne er nicht. Außerdem ist er aus Plastik. Es gibt nur ein Gerät aus Edelstahl, der Rest ist volle Kanne Plastik. Aber bei diesem einen sagen die Reviews, die Aufsätze, derer er gleich vier­zehn mitbringt, seien dann doch wieder aus billigstem Plastik. Ist das nun das Aus für mich und Multi­groomer?

Das letzte Mal habe ich einen Bart­schneider gekauft, vor zehn Jahren, in so einem dieser großen Elektrofachmärkte, die eh alle dem gleichen Konzern gehören. Der gibt nun den Geist auf. Das ist eine gefährliche Phase! Halb geschorener Kopf, oder halber Bart ab und dann – Zack! Ende. Wie sieht das denn aus? Also muss was Neues her, bevor das Ding vollends krepiert.

Zehn Jahre sind eine lange Zeit. Es gibt keine einfachen Geräte mehr, die eben einfach Haare schneiden. Blau leuchtende Anzeigen zeigen dem professionellen Multi­grooming­mann von heute, wie viele Millimeter er sich aus der Visage groomt, wie viel Zeit und Kilo­watt ihm noch mit und im Lithium-Ionen-Akku verbleiben, und ver­mutlich wie viele Kalorien er dabei verbraucht, und auch gleich die Insta­gram-Likes für das Manöver. Oder so. Weiß nicht genau.

Der Multi­groomer aus Edel­stahl wäre jeden­falls schon schick, aber auch teuer. Zum Wechseln des billigen Plastik­aufsatzes braucht man aber einen nicht mit­gelieferten Kreuz­schlitz­schrauben­dreher. Das würde mich zwar nicht abschrecken, ich als tradi­tioneller Testos­teron­bolzen mit großer Werk­zeug­kiste, doch mein Wissen hindert mich: Wie oft kann ich eine Schraube in Plastik rein- und raus­drehen bis… naja bis es sich dann aus­ge­groomt hat? Also wird es wohl dann echt kein Multi­groomer mit Nasen­haarschneide­aufsatz und ohne Kreuz­schlitz­schrauben­dreher!

Ich glaube ich nehme einfach den Haar- und Bart­schneider. Der verspricht „ultimatives Haare­schneiden in 17 Längen“ und bietet damit wesentlich mehr Möglich­keiten, als mein vierzig­jähriger Kopf­haar­wuchs noch aus­nutzen könnte. Der ist eigentlich ziemlich genau das gleiche System wie das alte, das von damals, von vor zehn Jahren. Mit dem Haar- und Bart­schneider mach ich dann einfach trotzdem mein super­männ­liches Multi­grooming. So viel Punk muss sein!

Nur um dieses ewige Plastik, da kommt man halt leider echt nicht mehr drum herum.

Freund Midlife

Du musst noch mit deinem Steuerberater telefonieren. Schon die ganze Woche nicht geschafft, immer was los. OK, sage ich. Bis nächstes Mal. Mal wieder treffen, auf ein Bier, schlägst du vor und ich sage ja. Ein gefahrloses Ja, denn stattfinden wird das Treffen nicht. Ich drücke den roten Hörer.

Vierundzwanzig Stunden hat der Tag, zwölf davon warst du im Dienst. Na gut, eine Stunde davon Mittagspause. Und ich sitze hier und schaue die alten Fotos an. Die Polizisten, die dich mitsamt deiner Trommel wegtragen, bei der Demo gegen Studiengebühren, damals. Ich war dabei, als wir das Uni-Rektorat gestürmt haben, damals. Andere haben dann noch das Schloss besetzt. Gebracht hat das alles nichts. Gefallen ist die Regierung über den Fehler ihres Möchtegern-Fürsten, der hatte am Parlament vorbei aus dem Landessäckel zwei Atomkraftwerke gekauft. Ich denke, dass bei einer Demo einem das Auge rausgeschossen wurde, was heftig durch die Medien ging, das war weniger ausschlaggebend. Und das alles erscheint mir manchmal, als wäre es gestern gewesen.

Du bist dann in die Mühle gegangen, wie die meisten von uns. Ich weiß nicht so genau, was du machst. Manchmal kommt eine Antwort auf meine Mails, fast nie ein Anruf. Ich glaube, es ist schon gut und wichtig, was du da machst. Und ich sitze hier, im Schwabenalter angekommen, etwas ratlos ob der Zukunft, noch immer ohne Kinder und ohne Eigenheim, auch keinen Hund zum schon mal üben habe ich. Aber immerhin eine Frau, ich habe die eine ganz Besondere aus all den Millionen gewählt. Als hätte man diese ganze Wahl, es gehören ja immer zwei dazu. Bei manchen auch mehrere – jeder, für den es nach dem Studium mit der Beziehung auseinanderging, hatte danach lange Umwege zu gehen.

Manchmal bleiben auch mir nur die Träume. Träumst du noch? Von Norwegen, oder von der mongolischen Steppe? Vom Reisen mit einem alten VW-Bus? Heute stattdessen mit dem Neuwagen zur Arbeit und zurück. Regelmäßige Wartung, die Kohle für den Leihwagen ist währenddessen kein Thema, wie sollte deine Frau, deren Namen mir immer entfällt, die Kinder, deren Anzahl ich mir nicht mehr sicher bin, sonst zur Kita bringen? Ist das alles so einfach und so profan? Muss man sich wirklich entschieden, wenn nach dem Studium der Räuber aus dem Gebüsch kommt und die altbekannte Frage stellt: „Geld oder Leben?“

Leben jeden Tag so, als wäre es dein letzter. Auch so ein Spruch. Bitte nicht. Ich habe zu viele Menschen sterben sehen in letzter Zeit. Das kannst du machen, wenn du vom Bus überfahren wirst, oder erschossen. Aber nicht, wenn du endlich reich und in Rente bist und der Krebs längst an dir frisst. Die meisten Menschen sterben langsam, und so leben sie dann auch, zeitlebens: sterbend. Die Jugend als hohes Gut, das man erst zu schätzen weiß, wenn man es verliert. Wie die meisten hohen Güter, und wir alle wissen das, und trotzdem funktioniert es nicht anders. Jaja, Weisheit und so, aber dafür haben wir doch keine Zeit. Dafür dürfen wir doch keine Zeit haben, zu erschreckend könnten wir unseren Freund Midlife ohne Maske im Spiegel finden.

Das ist alles schon so oft gesagt, dass es schon arg weh tut.

Foto: Pixabay, bearbeitet vom Autor.

Maulschellen für alle

Ich will mein Privileg zurück. Das Privileg der Jugend; laut­hals und wüst protes­tieren zu dürfen, ohne zu bedacht zu sein. Ecken und Kanten ent­wickeln und damit anecken. Immer diese Glatt­gespült­heit, Erwachsen­sein als Kiesel in einem Fluss­bett, bei jedem Hoch­wasser irgend­wohin driftend, immer glatter geschliffen. Nicht mal Glas­scherben können noch schneiden in diesem Fluss. Aber was sollen die Nach­barn sagen? Was soll dein Chef nur denken? Das kannst du doch so nicht machen! Sei ein Vorbild für die Kinder! Und ich denke: Gebt mir Schnaps und Kippen, mein Gehirn muss gleich rülpsen – nein: Kotzen muss es gleich. Mich an­kotzen vermutlich auch. Und jetzt: Maul­schellen für alle, ihr Schnarch­nasen da draußen!

Escape in(to) Horror

Da ist es wieder, das Schreien. Der tiefe, unergründliche Schmerz. Schnell surfe ich in die blaue f-Welt und betäube mich mit Bildern von Menschen mit Mund­schutz, mit dünnen Statistiken, dick verkauft, mit den sieben­tausend Fragen zu Sofort­hilfen, mit den siebzig­tausend Mahnern, die mir sagen, ich soll zuhause bleiben. Der Klick aufs Konto, ui-ui-ui-aua. Leicht reden die Rentner und Ange­stellten, sie reden sich leicht mit ihrer schwein­heiligen Moral, vor der kein Fressen zu kommen braucht. Jeder findet einen Irren, der seine Meinung in der Internet­glotze vertritt und jeder applau­diert seinem Personal Jesus durch Teilen und Gern­haben. Wir müssen alles in den Griff bekommen, und das schon gestern. Wieder fallen wir auf unsere sogenan­nte westliche Kultur herein, die nicht gelernt hat, dass der größere Ham­mer nicht die Lösung ist, wenn die Wand für den Nagel zu hart ist. Alle appel­lieren ganz laut an die Vernunft und meinen damit, man müsse alles so machen, wie sie es predigen. Weil sie glauben, dass der Wissen­schaftler, den sie gerade zitieren, der einzige ist, der Recht hat. Ich bin so gut, ihr seid so scheiße. Der falsche Gott, der richtige Gott. Da ist es wieder, das Schreien. Der tiefe Schmerz. Ich vermeide mich mit deiner Meinung, nach der ich nicht gefragt habe. Ich mache einen Termin für Über­morgen aus, der morgen tot sein wird. Morgen dann mache ich einen neuen Termin aus. Am Telefon. Ich telefoniere stunden­lang. Das Hamster­rad hat noch Potenzial, jeden Tag erhöht sich die Geschwindig­keit um ein paar Prozent­punkte. Heraus kommt nichts. Hände packen ins Leere, versuchen, das Vakuum in den Griff zu kriegen, greifen ins Nichts. Into the void, die Welt zwischen den Welten. Escape (in)to horror.

Foto: Pixabay, bearbeitet vom Autor.

Smart

Als ich heute Morgen in meinen Smart Mirror schaute, sagte der zu mir, ich solle mich doch wieder mal rasieren. Die elektrische Zahnbürste legte einen Zahn zu heute, was mich nun doch sehr beunruhigt. Vermutlich stimmt etwas mit meiner Mundflora nicht. Der Smart Air meldet schon wieder eine leicht erhöhte Konzentration flüchtiger organischer Stoffe über seine App. Das beunruhigt mich noch mehr, was mein Fitness-Tracker prompt mit der Meldung eines zu hohen Stresslevels quittiert. Das regt mich jetzt noch mehr auf, und Alexa googelt das nun für mich, das mit den flüchtigen organischen Stoffen. Die smarte Tageslichtlampe hat beschlossen, meiner offenkundig trüben Stimmung blendend hell entgegenzutreten. Diese Lampe anzuschaffen war ein Tipp der App für oder gegen Depression, die aber seit dem Update auf das neue Betrübssystem nicht mehr richtig funktionieren kann. Ich kann mir also nie sicher sein, ob ich einfach nur schlecht gelaunt bin, oder ob es mich ernsthaft deprimiert, dass mein 900-Euro-Smartphone die für immer unspürbare Liebe meines Vaters nicht genug kompensieren kann. Der Gedanke lässt mich erschrocken vor mich hin grunzen. Alexa lässt daraufhin die Rollläden runter und spielt Männer von Grönemeyer. Die Tageslichtlampe dreht voll auf und ab ob der Dunkelheit. Der Fitnesstracker pulsiert rot. Die App von Smart Air macht einen Alarmton, zu viel CO2 in der Raumluft, ich solle dringend lüften, also mache ich das Fenster auf, aber weil die Musik so laut ist, versteht Alexa nicht, dass sie die Rollläden wieder hoch machen soll. Mein Smart-TV aktiviert sich urplötzlich und spielt Werbung für Gillette. Danach erscheint Dieter Thomas Kuhn mit Brusthaartoupet. Die Tonart von Über den Wolken passt nicht zum gleichzeitig laufenden Grönemeyer. Ich liege am Boden und zucke nervös. Am Leben hält mich der Gedanke an den intelligenten Stromzähler. Der könnte dem allem hier ein Ende setzen, glaube ich. Schließlich protokolliert er seit Monaten alles. Jeden Abend starre ich auf die Diagramme in meinem Power Dashboard und weiß nicht, was ich damit tun soll. Dann fällt mir ein, dass er eben nur ein Zähler ist, kein Schalter. Mein Herz macht einen Sprung. Dann plötzlich Stille. Alles scheint eingefroren. Nur die Störungs-LED am DSL-Router blinkt. Es ist eine wahrhaft wirre Welt geworden, doch auf die Telekom ist einfach Verlass.

Wanderschuh

Eine fiktive Diskussion in einem Internet-Forum nach realem Vorbild

Frager: Ich möchte einen soliden Wanderschuh kaufen. Welchen Laden empfehlt Ihr?

Forist 1: Füll erst mal den Fragebogen aus, Einsatzgebiet, Schuhgröße, Preisklasse, Temperatur­bereich, Automarke, Steuerklasse und sexuelle Orien­tierung müssen wir schon wissen.

Forist 2: Ich geh immer barfuß. Früher haben das alle so gemacht, als wir noch Hippies waren. Schuhe sind kapitalis­tischer Scheiß.

Forist 3: Bist Du Dir sicher, dass Du wandern willst? Vielleicht ist Fahrrad­fahren oder Play­station spielen eher was für Dich?

Forist 4: Ja genau, wegen ahnungslosen Noobs wie Dir passieren diese ganzen Unfälle in den Kletter­steigen und dann muss wieder die Berg­wacht mit dem Heli­kopter los.

Forist 5: Auf keinen Fall Lederschuhe nehmen, die sind nicht vegan! Wenn wegen Deiner Naturn­utzung Tiere sterben, ist das wider­natürlich. Mit so Menschen rede ich gar nicht erst!1!!

Forist 6: Auf dem Everest liegen schon genug Leichen. Willst Du Dich unbedingt dazu­gesellen?

Forist 7: Damals auf dem Watzmann, wisst Ihr noch, als wir nur Dosenwurst dabei hatten und unsere Trink­flaschen alle in die Spalte gefal­len waren? Das war ein Durst, und als wir dann endlich auf der Hütte waren, schmeckte das Bier gleich noch viel besser. [Hier noch 4 Bild­schirm­seiten Monolog von damals ein­fügen.]

Forist 8: Ich kaufe sowieso alles nur noch online, ich zahl doch nicht für eine Beratung, sowieso nix bringt. Ich lass mich doch nicht von einem ahnungs­losen Sport­studenten voll­quatschen und zahle dafür!

Forist 9: Ich unterstütze den lokalen Einzelhandel. Wenn es 50 oder 100 Euro mehr kostet, in Ord­nung, das ist mir die Bera­tung wert.

Forist 10: Also man muss ja auch klar zwischen Bergschuh, Talschuh, Leicht­laufschuh, Klotz­galosche und Ski- und Bett­stiefel unterscheiden. Der OP hat nicht gesagt, zu was er den Schuh braucht. Alles nur Spekulation und Zeit­verschwen­dung hier!

Forist 11: @Forist2 Haha und wie oft seid Ihr in der Scheiße gestanden? Und dann noch die langen Haare im Hoch­gebirge ohne Wasser­läufe, wo man sich nicht mal den Schweiß ab­waschen kann. Ekelhaft!

Forist 12: Ich gehe nur noch mit Sicherheits­schuhen ins Gebirge. Die Stahl­kappen halten negative Ener­gien der von schwarzen Seelen bewan­derten Erde von meinen Hühner­augen fern. Außer­dem dienen sie bei schlechtem Wetter als Blitz­ableiter.

Forist 11: @Forist10 vielleicht sind Wander­schuhe einfach sein Fetisch? Da bekommt das Wort „Schuh­wichse“ ganz neue Bedeu­tungen! Hahaha!

Frager: *meldet sich vom Forum ab und schreibt einen Rant für sein Blog*