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Die Welt (2)

„Warum ich Hobbys habe“, „Warum ich nach XY reise“, „Warum ich erfolg­reich bin“ (und du nicht), „Warum ich Coach geworden bin“, „Warum ich (keine) Face­book-Wer­bung mache“ – Warum-ich-Über­schriften, Seuche und Symptom unserer Zeit; das Du ist mir doch egal, ich erkläre dir meine Welt und warum ich der Nabel aller Welten bin, und warum ich dir sagen kann, wie das Leben funktioniert. Es gibt in meinem Leben fünf wichtige Personen: Ich, mich, meine Wenig­keit, Meiner­selbst, und Meiner­einer. Die anderen sind auch wichtig, nämlich um mir zu huldigen, um mein Warum-ich-Ejakulat aufzu­schlecken brauche ich sie, dringendst sogar. Und Facial­book war erst der Anfang. Wäre ich mir ehrlich selber wichtig, so müsste ich mich nicht erklären.

Foto: Pixabay, bearbeitet vom Autor.

Sauguat

„Dia send sauguat!“, sagt die schwäbische Oma neben mir im Supermarkt, wie ich so die Zutatenliste einer abgepackten Schwarzwurst studiere. Und sie meint damit die drei Schwarzwürste in der anderen Packung, die sich noch im Regal befindet. Mein Gehirn ist irgendwo anders, es denkt an heute nicht mehr genutzte Wörter für Schwarzwurst, die nicht mehr politisch korrekt sind, oder es nie waren. Und daran, dass viele Leute sowieso keine Schwarzwurst essen, weil da Blut drin ist und völlig unversteckte Fette herausschauen. Außerdem ist Schwarzwurst aus Tier. So wird die Schwarzwurst sicher bald von der Wurst der armen Leute zur Delikatesse mutieren, denn das Gefühl von Dekadenz gehört ja auch zum Delikaten irgendwie dazu, denke ich. Ich leiste mir es eben, dass Schweine getötet, kleingeschnitten und mit Blut vermengt im eigenen Darm verpackt werden, ich dekadente Sau! „Dann probier ich die“, sage ich zu der Oma und hoffe, dass sie Recht hat, einfach nur weil sie alt und urschwäbisch ist.

Foto: Pixabay, bearbeitet vom Autor.

Endstation

Neben dem Fahrstuhl, der auf Schwäbisch Aufzug heißt ist eine Tafel mit Namen und Zimmer­nummern der Bewohner. Das hört sich nett an, eine Residenz mit Bewohnern. Sankt-Soundso, klingt edel. Ein Eingangs­bereich mit Aufent­haltsraum, um das Wort Wohn­zimmer zu um­gehen, denn er ist bis auf Möbel im Ein­richtungs-Stil und ein altes Klavier im Moment so un­be­wohnt wie die kleine Em­pfangs­theke davor. Aber es gibt ja die Tafel mit Namen und Nummern. Oben dann der üble Geruch von Scheiße, zusammen mit einer leicht säuer­lichen Note, meine Nase mag sich nicht zwischen Zitronen­duft und Pisse unter­scheiden. Faltige, graue, vergilbte Menschen sitzen an Tischen und nehmen Nahrung zu sich, inmitten des Scheiße­gestanks. Dein Zimmer ist kahl, keine Bilder, zweckmäßige Press­span­möbel sind in ein Plastik­furnier mit Holz­optik gepackt, es stinkt anders hier drin. Du schläfst und merkst nichts. Ich glaube nicht, dass, du weißt, wo du bist. Einmal wachst du auf und siehst mir in die Augen und ich freue mich plötzlich, dich zu sehen. Gestern hast du sogar einen ganzen und außer­dem ver­ständlichen Satz zu mir gesagt. Dann schläfst du wieder und ich gehe irgend­wann und ärgere mich über mich selbst, weil ich daran denke, wie du das mal gemacht hast, als ich in der Kinder­klinik war: Einfach ab­hauen, während man schläft. Ich fand das ganz schrecklich, damals. Auf der Straße möchte ich weinen. Wir haben dich in die Scheiße gesetzt, weil wir es nicht mehr packen. Du kannst nichts mehr allein – gar nichts kannst du allein, außer sterben. Für viele Dinge muss man bei dir zwei starke Alten­pfleger­innen sein. Ich möchte das Wort Würde ver­prügeln, das alle im Munde führen, süchtig danach und an­ge­widert davon, wie beim Kaut­abak, insbesondere Politiker vor Wahlen. (Und dann ausspucken.) Die Realität ist: Die Alten sitzen in der Scheiße.

Foto: Pixabay, bearbeitet vom Autor.

Kompetenzkompetenz

Nur durch seine hundert­dreißigjährige Tee­erfahrung gelingt es dem Her­steller™, die gehalt­vollsten Blüten der aller­besten Felder aus­zu­wählen. So mild, so sanft, und ich kann ihn genießen, und wie er mir so gut tut. Und ich stelle mir vor, wie ich erst sein werde, so kompetent, so profes­sionell. Wenn ich erst mal ein­hundert­dreißig Jahre lang das Pflücken einer Pflanzen geübt habe. Aber es wird mir nichts nützen, denn wenn ich jetzt damit an­fange, dann hat der Her­steller™ bis dahin schon zwei­hundert­sechzig Jahre Erfahrung mit Kamillen­tee – unschlag­bar. Dass mir Kamillen­tee über­haupt nicht schmeckt, ist dann auch vollends wurscht. Ich bin tot, die Tee­kanne lebt.

Foto: Pixabay, bearbeitet vom Autor.

Das harte Leben

Ich stelle mir das so vor, ein schummriger, tätowierter Raum und überall ist Rauch wie er früher einmal war; Rauch aus Tabak und Mari­huana und nicht dieser Dampf der akku­betriebenen Taschen­nebel­maschinen, an denen heute jede Sau saugt. Ich stelle mir das so vor, dass man hier nicht auf dem Boden liegen möchte, weil man nicht weiß, ob der in den letzten zwölf Jahren mal ge­wischt wurde und wer zuletzt in welcher Bier-, Pisse-, oder Kotze­lache hier gelegen hat. Viel­leicht ist da auch Benzin auf diesem Boden, denke ich mir, aber das verdampft, also Motor­öl. Ja, Motor­öl ist gut. Und dazu läuft vielleicht Dio aus den Laut­sprechern, mit The Last in Line, also nicht das Album, sondern der Song. Dass Ronnie James Dio tot ist, passt so exakt ins Gesamt­bild wie Jesus ins letzte Abend­mahl. Alle tun dann so voll hart, oder waren echt schon im Knast, oder beides, und es gibt Jim Beam, Wodka Cola, Jacky Cola, Araber und all die anderen Kotz­mischungen mit Cola halt so. Dazu Bananen­weizen, für die gestähl­testen der harten Mägen. Und Butter­fly­messer und Zippo-Feuer­zeuge und Toten­schädel. Den ganzen Kram, den noch nie ein Mensch brauchte, außer um das harte Leben zu feiern. Und um daheim im Vor­garten am Kugel­grill, hinterm Sicht­schutz vor den Nach­barn, dann wieder der lang­weilige aber zu­friedene Spießer zu sein, der diese verschis­sene Härte des Lebens dort gelas­sen hat, auf diesem ver­kotzten und ver­ölten Fuß­boden, an ihrem Ort des Elends; stinkend, lärmend und tot.

Die Penis-Enttäuschung

Es geht hier nicht darum, einen Bombe zu bauen. Um den ameri­kanischen Präsidenten geht es auch nicht. Auch um Katzen geht es hier nicht, und auch nicht darum, wie unglaublich das ist, was danach passierte. Es geht nicht ums Ab­nehmen, nicht um ein Vorher oder ein Nach­her, nicht um Erfolg und nicht um den Six-Figure-Deal, nicht mal um Such­maschinen­optimierung oder Sport­wagen. Nicht um Fuß­ball, und noch viel schlimmer: Weder Porno ist hier wichtig, noch Mösen oder Fotzen. Möpse und Hunde und Titten spielen keine Rolle. Dass es hier nicht um Anal Bleaching geht, wird nun auch wiederum kaum ein Arsch­loch erbleichen lassen. Keine Sau interessiert sich hier für einen geraden oder ver­längerten Schwanz. Und es kommt alles noch schlimmer: Es geht hier nicht um deinen Pimmel. Die Ent­täuschung ist groß: Es geht nicht um Gender-Wahns*inn. Und es geht hier nicht um irgend­einen Penis. Es geht hier um alles und um nichts – der Penis spielt keine Rolle.

Dystopie

Die Zwanzigerjahre dieses Jahrhunderts werden das Jahrzehnt des Marketings und des Bull­shits. Schon jetzt wird nur noch wahr­genommen, wer sich selbst öffentlich anpreist. Noch ist es die Domäne von Firmen und Werbe­agenturen, aber insbesondere in den sogenannten sozialen Medien bewerben sich immer mehr Individuen wie Produkte. Aufmerk­samkeit, Klicks und die anonyme digitale Liebe der Masse werden zur neuen Währung. Alle ergießen sich in Stärken- und Schwächen-Analysen, ihre Stärken etwas arg über­betonend und das Ergebnis garniert mit einem übergroßen Schuss Schwurbel auf die Welt und ihre Mit­menschen loslassend. Die Suche nach der besten Selbst­vermarktungs­floskel mit möglichst viel Impact bei notwendigem und nahezu völligen Verlust von Inhalt ist der neue Volkssport. Persönlichkeit und Wahr­haftigkeit sind verwegene Tugenden einer vergangenen Zeit. Die neue Grat­wanderung ist noch mehr die Eigen­werbung zwischen pseudospritziger Individualität und Maximierung der eigenen Massen­kompatibilität. Berufe, Urlaube, Partner, Häuser, Autos, Körper und Kinder werden nach Instagram­mability gewählt, geshaped und gezeugt. Alle düsen mit Vollgas durch die innere Leere ihrer perfekt polierten Hüllen. Da digitale Aufmerk­samkeit keinen realen Gegen­wert in der Welt hat und weder den Kühl­schrank füllt noch die Miete bezahlt, wird diese Blase irgend­wann platzen, und das ganz neoliberal direkt beim Einzelnen und nicht bei den Firmen. Diese werden sich an den not­wendigen oder als not­wendig ver­markteten Produkten von Selfie-Kameras über Apps bis hin zu virtuellen Produkten wie bezahlten Werbe-Ein­blend­ungen eine zumindest silberne Nase verdient haben. Psychische Störungen werden spätestens dann in den Statistiken den Herz-Kreislauf-Erkran­kungen in puncto Kosten für Gesell­schaft und Wirtschaft den Rang ablaufen.

Foto: Pixabay, bearbeitet vom Autor.

Verwundert

Eigentlich ist Philips und Sony ein Wunder gelungen. Sie haben einen Daten­träger entwickelt, den die Künstler angenom­men haben. Ein bisschen Glück war auch dabei, und so kam eine nahezu kompromiss­lose Ton­qualität dabei heraus. Von einer seltsamen Plastik­ver­pack­ung, die man euphe­mistisch Jewel Case genannt hatte, gingen die Künstler über zu schön be­druckten Pappver­packungen, mit viel Liebe gestaltet. Kleine und große Komplett­kunst­werke; hält man heute eine CD in der Hand, dann hat man in keinster Weise das Gefühl, einfach nur ein paar hundert Millionen Bits in der Hand zu haben, mitnichten ist es ein reiner Tank voller Zahlen. Schub­lade auf, ein­legen, schon das ist ein kleines Ritual. Dann beginnt die Reise durch die Töne. Manchen ist das nicht genug. Manche brauchen die Lang­spiel­platte, die Schall­plat­ten­bürste gegen den Staub, aber bitte nicht gegen allen Staub, ein paar Knackser dürfen es eigentlich schon sein. Die klingen besser, sagen sie. Aber eigent­lich geht es um das Ritual, um das Wert­schätzen von Musik, um das An­fassen und sich be­rühren lassen. Die anderen gehen zu Spotify, dem Online-Armuts­zeugnis für künst­lerische Leis­tungen. Das gelungene Wunder hat aus­gedient, die Körper­losig­keit des Netzes hält den Kon­sumenten gefangen und die Künstler müssen auf die Bühne flüchten, um einen Rest von Mammon zu erhaschen.

Foto: Pixabay, bearbeitet vom Autor.

Auflösung

Es löst sich irgendwie auf, das Alle. Alle lieben Verbotene Liebe oder Marienhof, das war einmal. Ich netflixe meine Serie, du deine. Meine Filter­blase zeigt mir meine Welt, nicht deine. Ich benutze das Wort Filter­blase routiniert. Ich bin ein Außen­seiter, ich habe kein Smart­phone. Du bist ein Außen­seiter, du hast ein Smart­phone aber Threema ist bei dir kein Thema, nicht so wie bei deinen Freunden, Whats­App ist dir zu doof, aber Telegram hat halt keiner. Und kuck; da auf Face­book, da sind die Onanisten mit ihrem geilen Leben wieder am abschüt­teln, während ich im November­regen sitze, als hätten die anderen ein anderes Wetter. Alles ist nur einen Klick entfernt, die Wahr­heit wie die Lüge und der Bullshit, und jede Minute gibt es 400 Stunden neues Video­material auf You­Tube und ich habe schon lange keinen Über­blick mehr; was soll ich kucken, wie soll ich leben? Ich will es wieder geordnet, aber ich bin zu schlau, um an Chem­trails zu glauben, und zu mensch­lich, um rechts­radikal zu werden. Früher, da war alles sortierter. Der Sohn wurde, wie und was der Vater war. Die Technik war noch warm und analog, nicht kalt und digital. Es war immer Sommer und nie November­regen. Deswegen kaufe ich jetzt Röhren­technik für meine Instrumente, und die Instrumente sind aus den Siebzigern. Ich aktiviere den Schwarz­weiß-Filter in meiner Kompakt­kamera und google Paleo Diät. Ich hänge die Bilder ab und male mit Blut ein paar Mammuts auf meine Rauh­faser­tapete. Und morgens gehe ich mit meinem Speer mit Stein­spitze hinaus in den Groß­stadt­dschungel und töte ein Tier. Wenn erst alle das machen, dann ist meine Welt wieder in Ordnung. Wann fängst du auch endlich damit an?