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Freund Midlife

Du musst noch mit deinem Steuerberater telefonieren. Schon die ganze Woche nicht geschafft, immer was los. OK, sage ich. Bis nächstes Mal. Mal wieder treffen, auf ein Bier, schlägst du vor und ich sage ja. Ein gefahrloses Ja, denn stattfinden wird das Treffen nicht. Ich drücke den roten Hörer.

Vierundzwanzig Stunden hat der Tag, zwölf davon warst du im Dienst. Na gut, eine Stunde davon Mittagspause. Und ich sitze hier und schaue die alten Fotos an. Die Polizisten, die dich mitsamt deiner Trommel wegtragen, bei der Demo gegen Studiengebühren, damals. Ich war dabei, als wir das Uni-Rektorat gestürmt haben, damals. Andere haben dann noch das Schloss besetzt. Gebracht hat das alles nichts. Gefallen ist die Regierung über den Fehler ihres Möchtegern-Fürsten, der hatte am Parlament vorbei aus dem Landessäckel zwei Atomkraftwerke gekauft. Ich denke, dass bei einer Demo einem das Auge rausgeschossen wurde, was heftig durch die Medien ging, das war weniger ausschlaggebend. Und das alles erscheint mir manchmal, als wäre es gestern gewesen.

Du bist dann in die Mühle gegangen, wie die meisten von uns. Ich weiß nicht so genau, was du machst. Manchmal kommt eine Antwort auf meine Mails, fast nie ein Anruf. Ich glaube, es ist schon gut und wichtig, was du da machst. Und ich sitze hier, im Schwabenalter angekommen, etwas ratlos ob der Zukunft, noch immer ohne Kinder und ohne Eigenheim, auch keinen Hund zum schon mal üben habe ich. Aber immerhin eine Frau, ich habe die eine ganz Besondere aus all den Millionen gewählt. Als hätte man diese ganze Wahl, es gehören ja immer zwei dazu. Bei manchen auch mehrere – jeder, für den es nach dem Studium mit der Beziehung auseinanderging, hatte danach lange Umwege zu gehen.

Manchmal bleiben auch mir nur die Träume. Träumst du noch? Von Norwegen, oder von der mongolischen Steppe? Vom Reisen mit einem alten VW-Bus? Heute stattdessen mit dem Neuwagen zur Arbeit und zurück. Regelmäßige Wartung, die Kohle für den Leihwagen ist währenddessen kein Thema, wie sollte deine Frau, deren Namen mir immer entfällt, die Kinder, deren Anzahl ich mir nicht mehr sicher bin, sonst zur Kita bringen? Ist das alles so einfach und so profan? Muss man sich wirklich entschieden, wenn nach dem Studium der Räuber aus dem Gebüsch kommt und die altbekannte Frage stellt: „Geld oder Leben?“

Leben jeden Tag so, als wäre es dein letzter. Auch so ein Spruch. Bitte nicht. Ich habe zu viele Menschen sterben sehen in letzter Zeit. Das kannst du machen, wenn du vom Bus überfahren wirst, oder erschossen. Aber nicht, wenn du endlich reich und in Rente bist und der Krebs längst an dir frisst. Die meisten Menschen sterben langsam, und so leben sie dann auch, zeitlebens: sterbend. Die Jugend als hohes Gut, das man erst zu schätzen weiß, wenn man es verliert. Wie die meisten hohen Güter, und wir alle wissen das, und trotzdem funktioniert es nicht anders. Jaja, Weisheit und so, aber dafür haben wir doch keine Zeit. Dafür dürfen wir doch keine Zeit haben, zu erschreckend könnten wir unseren Freund Midlife ohne Maske im Spiegel finden.

Das ist alles schon so oft gesagt, dass es schon arg weh tut.

Foto: Pixabay, bearbeitet vom Autor.

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